Wenn Sie mich fragen, welche Bücher meine Arbeit maßgeblich beeinflusst haben, dann würde ich das Buch „Achtsamkeits-Yoga“ von Frank Boccio als erstes nennen. Boccio ließ sich bei John Friends als Anusara-Yogalehrer ausbilden. Er ist aber nicht nur ein Profi im Yoga, sondern auch in der buddhistischen Lehre.  Er lernte das buddhistische Dharma bei Tich Nhat Hanh, der ihn in die Ordensregeln einweihte. Als Dharma-Lehrer des Zen wurde er bei Samu Sunim ausgebildet. Boccio weiß wovon er spricht, wenn er den Versuch wagt,  Meditation und Hatha-Yoga zu verbinden. Die Meditation betonend entwickelt er einen „buddhistisch-meditativen Ansatz für die Praxis der Yoga-Asanas“ (Achtsamkeits-Yoga, Boccio). Erstmals erhalten die Körperübungen des Yoga, die zumeist auf eine rein vorbereitende Rolle für die Meditation beschränkt bleiben, einen neuen Stellenwert als eigenständige, wahre und tiefe Medita­tionspraxis.

In den buddhistischen Lehrschriften ist das Anapanasati-Sutta die zentrale Meditationsanleitung. Das Sutta ist eine Atemmeditation, die die Wahrnehmung des Atems als Meditationsobjekt wählt. In vier Stufen oder, wie es im Sutta heißt, in vier Verankerungen entwickelt sich die Meditation vom Körper zu den Gefühlen, Gedanken bis zum Dharma. Es ist wie ein Dialog mit dem eigenen Sein, das die Kenntnis der buddhistischen Lehre Stufe um Stufe vertieft. Für jede Stufe hat Boccio eine Einleitung in die buddhistische Philosophie geschrieben, die keine Vorkenntnisse erfordert. Die tiefe Weisheit über das menschliche Leidens und wie das Leiden zu überwinden ist, wird sehr praktisch orientiert beschrieben. Die Lehre ist aktueller denn je. In die heutige Sprache übersetzt, möchte man meinen, sie sei der Ursprung der Psychologie des 21. Jahrhunderts. In der Meditation wird der Geist von negativen Kräften wie Hass und Gier befreit. Am Ende des Anapanasati-Suttas befreit sich das Bewusstsein vom Konzept eines isolierten Egos. In der tiefen Versenkung der Meditation wird diese Idee erfahrbar. Es scheint als lösen sich die Grenzen zwischen Innen und Außen, Individuum und Welt, Person und Gruppe auf. Dies ist die Erfahrung des Interseins, wie es der Budhhismus nennt.

Für jede Meditationsstufe hat Boccio eine eigene Übungsreihe entwickelt. Die Übungsreihen sind nicht spektakulär. Die Übungen sind aus dem Hatha-Yoga und erfordern eine gewisse Übungspraxis. Für Anfänger sind sie nicht geeignet. Was die Übungsreihen so besonders macht, ist die Anleitung. Boccio kommt es weniger auf die körperliche Präzision als auf die Wahrnehmung an in den Übungen an. Der Unterrichtsstil ist schwer zu erklären. Kommen sie doch einfach in eine meiner Yogastunden.

Anapanasati Sutta (Übersetzung Thich Nhat Hanh)

Achtsamkeit in der Betrachtung des  Körpers

  1. Wenn ich lang einatme, weiß ich, ich atme lang ein
    Wenn ich lang ausatme, weiß ich, ich atme lang aus
  2. Wenn ich kurz einatme, weiß ich, ich atme kurz ein
    Wenn ich kurz ausatme, weiß ich, ich atme kurz aus
  3. Einatmend bin ich mir meines ganzen Körpers bewusst
    Ausatmend bin ich mir meines ganzen Körpers bewusst
  4. Einatmend lasse ich meinen Körper ruhig und friedvoll werden
    Ausatmend lasse ich meinen Körper ruhig und friedvoll werden

Achtsamkeit in der Betrachtung der Gefühle

  1. Wenn ich einatme, empfinde ich ein Gefühl der Freude
    Wenn ich ausatme, empfinde ich ein Gefühl der Freude
  2. Wenn ich einatme, empfinde ich ein Gefühl des Glücks
    Wenn ich ausatme, empfinde ich ein Gefühl des Glücks
  3. Einatmend bin ich mir all meiner Gefühle bewusst
    Ausatmend bin ich mir all meiner Gefühle bewusst
  4. Einatmend lasse ich mir meiner Gefühle ruhig und friedvoll werden
    Ausatmend  lasse ich mir meiner Gefühle ruhig und friedvoll werden

Achtsamkeit in der Betrachtung der Gedanken

  1. Wenn ich einatme, bin ich mir meines Geistes bewusst
    Wenn ich ausatme, bin ich mir meines Geistes bewusst
  2. Einatmend erfreue ich meinen Geist
    Ausatmend erfreue ich meinen Geist
  3. Einatmend sammle ich meinen Geist
    Ausatmend sammle ich meinen Geist
  4. Einatmend befreie ich meinen Geist
    Ausatmend befreie ich meinen Geist

Achtsamkeit in der Betrachtung der Dharmas

  1. Einatmend, bin ich mir der Vergänglichkeit bewusst
    Ausatmend, bin ich mir der Vergänglichkeit bewusst
  2. Einatmend, bin ich mit der Auflösung allen Anhaftens bewusst
    Ausatmend, bin ich mit der Auflösung allen Anhaftens bewusst
  3. Einatmend, betrachte ich die vollkommene Befreiung
    Ausatmend, betrachte ich  die vollkommene Befreiung
  4. Einatmend, betrachte ich das Loslassen
    Ausatmend, betrachte ich  das Loslassen